Samstag, 28. Januar 2012

Spurrinne

Eine Parabel ist meine Spur
wo kein Gras wächst auf dem Hof;
fahre im Auto Tag für Tag
um den Nußbaum herum zum Tor.

Wo kein Gras wächst ist nur Sand,
ein Verwandter des Quarzkristalls,
der den Takt gibt meiner Uhr,
denn ich hab kein Organ für Zeit.

In den Rinnen der Autospur
hält im Sommer der Spatz sein Bad,
liegt im Winter der frühe Reif,
wenn der Frost sie gebacken hat.

Diese Spur gibt es nur durch mich
und mein Pendeln zum Arbeitsplatz.
Wenn der Kuckuck im Frühling schreit,
zähl ich mit wieviel Jahre noch.

Sonntag, 18. Dezember 2011

Für meine Trauerfeier (vorsorglich, damit nichts schlechteres gelesen wird)

Nun bin ich tot
Und ihr steht hier
Und wisst nicht, was aus mir geworden.
Bin ich jetzt Pflanze?
Bin ich Tier?
Bin ich im Osten? Süden? Norden?

Fest steht nur eins:
Ich bin nicht hier.
Bin vielleicht gar nichts anderes geworden.
Ich habe nie daran geglaubt
Und stets misstraut den großen Worten.

Ich wäre gern
Heut mit euch hier.
Doch dann hätt es die Feier nicht gegeben.
Glaubt mir, es war sehr schön mit euch.
Es war ein wunderbares Leben.

Mittwoch, 30. November 2011

Die gebildete Mitreisende

Sie wartet auf die Bahn
und liest Hans-Henny Jahnn.
Sie wartet auf die Bahne
und liest dabei Fontane.
Sie wartet auf die Bann
und liest dabei Klaus Mann.
Sie wartet auf die Lore
und liest dabei Tagore.

Zugausfall und Debakel:
Sie lächelt und liest Trakl.
Verspätung noch und nöcher:
Sie grinst bei Rosenlöcher.
Im Hooligan-Getröte
versenkt sie sich in Goethe.
Der Nachbarin wird schlecht:
Sie nickt ihr zu beim Brecht.

Sie steigt ganz vorne ein
und liest Gertrude Stein.
Der Rentner mit dem Flachmann
kriegt sie nicht weg von Bachmann.
Sein ständiges Geproste
vergälllt ihr nicht die Droste.
Im größten Durcheinander
genießt sie Maxie Wander.

Sie lehnt verzückt im Zuge,
liest Alexander Kluge.
In Neonlichtes Blässe
verschlingt sie Hermann Hesse.
Der Zug ist ziemlich voll -
sie liest entspannt Gogol.
Sie steigt gelassen aus
und liest dabei Karl Kraus.

Weihnachtsmarkt

Das Nackensteak, das ist ein Steak,
das ich mir in den Nacken leg.
Doch jetzt treibt mich ein andrer Wunsch:
Da drüben gibt es Eierpunsch ...

Samstag, 26. November 2011

Etymologie des Wortes "rekeln"

Ach, man schreibt "räkeln" mit e, also schreibt man es "rekeln"?!
Mir ist das neu und es wird mich nun immerfort äkeln.

Rekel, ein mächtiger Rüde von unedler Rasse
lümmelte länglich im Weg auf der altdeutschen Gasse.

Volksmund, der stolperte drüber und rief: Welche Perle!
So nenn ich unfein und faul sich dehnende Kerle.

Montag, 21. November 2011

November

Der ganze Zug ist wieder voller Huster.
Sie bellen in die Faust, ins Taschentuch.
Sie kämpfen an dagegen mit Mentholgeruch.
Und draußen dräut die Herbstnacht, kalt und duster.

Ihr könnt das Krächzen gern für euch behalten.
Ich will es nicht. Ich hatt es oft genug.
Doch ist wohl schon zu viel davon im Zug.
Ein Hustensturm, der droht, sich zu entfalten.

Die Keime sind wohl wieder einmal stärker.
Nun muss ich raus in Kälte, Schwärze, Nässe.
Schon packt mich der Bakterien böse Blässe.
Ich fang zu husten an wie ein Berserker.

Montag, 14. November 2011

Fortschrittsbremse im morgendlichen Berufsverkehr

Die Anschlussreisenden von Angermünde
sind Schuld daran, dass wir Verspätung haben,
hört man die Schaffnerin an jedem Bahnhof sagen,
als sei mit Anschluss reisen eine schwere Sünde.

Ihr Angermünder Reisenden mit Anschluss,
wie könnt ihr eine solche Untat wagen?
Wer den Verkehr aufhält in unsern Tagen
ist ein Häretiker und frei zum Abschuss.