Montag, 20. Februar 2012

Männerchor

Den Tenören geht
auf den Achttausendern des
Alters die Luft aus

Der zweite Bass kämpft
sich die Kellertreppe des
Satzes hinunter

Die Stimmbänder steif
wie die Knie am Morgen
Dissonante Pein

Junge kommen nicht
Keiner mag mehr mitsingen
die ollen Lieder

Samstag, 11. Februar 2012

Kein Specht

Zwei Buntspechte im Walnußbaum -
wär ich ein Specht, ich fänd das kaum
der Rede wert.

Doch leider ist die Welt verkehrt.
Ich bin kein Specht, ich muß hier bleiben
und alberne Gedichte schreiben.

Februar

Am Thermometer
such ich den Balken bei Nacht:
So weit da unten

Ein Totentuch legt
- Prüfung für alles Getier -
der Mond auf die Welt

Er hat die Dauer
der Nacht vervielfacht und lacht
eisfahl und kosmisch

Bläuliche Sonne
öffnet die kalte Truhe
des Tages ganz weit

Meisenknödel häng
ich in den Kirschbaum: Gesang
wird es mir lohnen

Der eine Rabe
hackt dem anderen einen
Knödel aus dem Netz

Die Elstern warten
als der Rabe pickt im Schnee
auf ihren Anteil

Die leeren Netze
- grün wie falsches Winterlaub -
schaukeln im Ostwind

Stumm sucht die Meise
nach ein paar Resten im Schnee,
flieht vor der Katze

Unterm Kirschbaum bleibt
nur ein Vogelspurenkreis -
Krallen und Schnäbel

Sing mit mir

Des Adlers weite Schwingen -
hast du sie je gesehen?
Lass uns von Tieren singen,
die von der Erde gehen.

Es ist das Lied der Lieder,
ein Vers für jedes Tier.
Sie kehren niemals wieder.
Der letzte Vers gilt dir.

Samstag, 28. Januar 2012

Spurrinne

Eine Parabel ist meine Spur
wo kein Gras wächst auf dem Hof;
fahre im Auto Tag für Tag
um den Nußbaum herum zum Tor.

Wo kein Gras wächst ist nur Sand,
ein Verwandter des Quarzkristalls,
der den Takt gibt meiner Uhr,
denn ich hab kein Organ für Zeit.

In den Rinnen der Autospur
hält im Sommer der Spatz sein Bad,
liegt im Winter der frühe Reif,
wenn der Frost sie gebacken hat.

Diese Spur gibt es nur durch mich
und mein Pendeln zum Arbeitsplatz.
Wenn der Kuckuck im Frühling schreit,
zähl ich mit wieviel Jahre noch.

Sonntag, 18. Dezember 2011

Für meine Trauerfeier (vorsorglich, damit nichts schlechteres gelesen wird)

Nun bin ich tot
Und ihr steht hier
Und wisst nicht, was aus mir geworden.
Bin ich jetzt Pflanze?
Bin ich Tier?
Bin ich im Osten? Süden? Norden?

Fest steht nur eins:
Ich bin nicht hier.
Bin vielleicht gar nichts anderes geworden.
Ich habe nie daran geglaubt
Und stets misstraut den großen Worten.

Ich wäre gern
Heut mit euch hier.
Doch dann hätt es die Feier nicht gegeben.
Glaubt mir, es war sehr schön mit euch.
Es war ein wunderbares Leben.

Mittwoch, 30. November 2011

Die gebildete Mitreisende

Sie wartet auf die Bahn
und liest Hans-Henny Jahnn.
Sie wartet auf die Bahne
und liest dabei Fontane.
Sie wartet auf die Bann
und liest dabei Klaus Mann.
Sie wartet auf die Lore
und liest dabei Tagore.

Zugausfall und Debakel:
Sie lächelt und liest Trakl.
Verspätung noch und nöcher:
Sie grinst bei Rosenlöcher.
Im Hooligan-Getröte
versenkt sie sich in Goethe.
Der Nachbarin wird schlecht:
Sie nickt ihr zu beim Brecht.

Sie steigt ganz vorne ein
und liest Gertrude Stein.
Der Rentner mit dem Flachmann
kriegt sie nicht weg von Bachmann.
Sein ständiges Geproste
vergälllt ihr nicht die Droste.
Im größten Durcheinander
genießt sie Maxie Wander.

Sie lehnt verzückt im Zuge,
liest Alexander Kluge.
In Neonlichtes Blässe
verschlingt sie Hermann Hesse.
Der Zug ist ziemlich voll -
sie liest entspannt Gogol.
Sie steigt gelassen aus
und liest dabei Karl Kraus.